ãRainer Mahr
Die
unentdeckten Quellen der Bioenergetischen Analyse entwickeln
Wer in seinem Garten schöne Blumen hat, möchte sie möglichst lange lebendig und blühend erhalten.
Man gibt ihnen genügend Licht Raum und Wasser, damit sie wachsen und sich entfalten können. Das bedeutet aber, Größe und Form werden sich mit der Zeit verändern.
Mit der BA scheint es ähnlich zu sein: Wenn wir das Erbe und Werk von A. Lowen sichern und erhalten wollen,
braucht es Möglichkeiten zu seiner Entfaltung und zu seinem Wachstum. Das bedeutet, daß es sich notwendigerweise auch ändern wird. Es wird wachsen, Form und Aussehen verändern, neue Äste und
Blüten hervorbringen.
Es wird untergehen und sterben, wenn wir es auf einen Thron stellen, mit einer Glasglocke versehen und jeden Zweig,
der aus seinem Stamm neu sprießen will, abschneiden.
Vor einigen Jahren mußte ich mich intensiv mit der Anatomie und Physiologie des Menschen beschäftigen. Dabei
bemerkte ich, daß sich einige Hypothesen der BA mit den Vorstellungen der klassischen Physiologie des Menschen nicht in Einklang bringen lassen: Ein blockierter Muskel ist natürlich nicht
festgenagelt oder eingerostet. Es gibt auch kein Leitungssystem, durch das Energie fließt. Was soll man sich überhaupt unter Energie vorstellen? Die BA hat keine entsprechende Beschreibung und
Definition. Mit körperlichen Übungen wird der Körper auch nicht energetisch aufgeladen. Nach entsprechenden Grundsätzen der Physik ist Bewegung Arbeit, für die Energie verbraucht, aber nicht
gewonnen wird.
So begann ich mich dafür zu interessieren, was das eigentlich für eine Energie sein könnte, mit der wir arbeiten.
Was geschieht wirklich, wenn ein Muskel blockiert ist. Warum können wir mit körperlichen Bewegungen, oder mit der Stimme die tiefsten und ältesten Schichten unserer Seele erreichen?
Diese Arbeit hat mein Verständnis von Körpertherapie und BA sehr verändert, mich ihr aber auch wieder sehr
viel näher gebracht. Die psychotherapeutischen Prozesse versuche ich mehr denn je als biologische Prozesse zu beschreiben. Dies scheint eine sehr einseitige Betrachtungsweise zu sein. Sie bringt
mir aber immer wieder sehr viel Klarheit in das, was wir mit der bioenergetischen Arbeit eigentlich tun und erreichen wollen. Es erweitert ständig mein Verständnis von den therapeutischen Prozessen,
und läßt mich immer wieder staunen und fasziniert sein.
Von diesen Entdeckungen, die ich gemacht habe, möchte ich Einiges berichten. Ich weiß, Vieles wird fremd klingen
und nicht gleich verständlich sein. Am Ende stehen vielleicht mehr Fragen als Antworten. Aber,nach einem Grundsatz der Systemtheorie entwickeln sich lebendige und nicht lebendige Systeme nur vom
Zustand der Instabilität aus. Fortschritt gibt es nur am Rande des Chaos. Ich möchte dafür werben, mehr Freundschaft zu schließen mit diesen instabilen Zuständen, mehr Fragen zuzulassen, die
schon immer zu neuen Antworten, Einsichten und zu einer besseren Praxis geführt haben.
Besonders erfreut bin ich immer wieder darüber, daß wir in der BA nicht das Rad neu erfinden müssen. Es gibt
einige Wissenschaften, die uns viele Informationen und Anregungen geben, das besser zu verstehen, was wir machen und entwickeln. Zu diesen Wissenschaften zähle ich neben der traditionellen
Anatomie und Physiologie die Konzepte der Neurobiologie, Neuropsychoimmunologie, der Quantenphysik, die Untersuchungen der Biophotonenforschung und der Systemtheorie.
1. Psychotherapie ist Körpertherapie
Die BA ist eine psychotherapeutische Methode, seeliche Störungen zu heilen. Sie versucht u.a. durch die Veränderung
körperlicher Parameter, psychische Phänomene zu beeinflussen.
Viel zu wenig bewußt ist uns aber, daß die BA auch ein System darstellt, auf eine bestimmte und ungewöhnliche Art
und Weise psychische Prozesse überhaupt zu erklären. Was geschieht denn im menschlichen Organismus auf seiner physiologischen und biologischen Ebebe, wenn Psychotherapie stattfindet - welche
Methode man auch immer benutzen mag.?
Eine wichtige Hypothese in der BA besagt, daß alle psychischen Befindlichkeiten ihren Ausdruck finden in einer
körperlichen Haltung, in der Art und Weise, in der ich stehe, gehe, spreche, schaue. Wenn eine Person zeigen will, daß sie traurig ist, muß sie z.B. ihre Gesichtsmuskeln in einer bestimmten
Weise anspannen oder loslassen. Die Augen werden eine bestimmte Haltung einnehmen, die Stimmbänder werden der Sprache eine bestimmte Klangfarbe geben. Blutdruck, Herz- und Atmenfrequenz werden
sich in einer ganz spezifischen Weise verändern. Daraus folgt: Über psychische Zustände von Menschen erfahre ich nur etwas über entsprechende körperliche Veränderungen, durch bestimmte
physiologische und biologische Zustände. Unseren eigenen psychischen Zustand oder den anderer Menschen können wir nur wahrnehmen, solange wir einen funktionierenden Körper haben, seine
Veränderungen beobachten können.
Mit psychischen Begriffen fassen wir also sehr viele und unterschiedliche physiologische Reaktionen zusammen
und geben ihnen eine Bedeutung. Die Aussage, "ich habe Angst" enhält Angaben über die erhöhte Herzfrequenz, das Anhalten der Atembewegung, die Erstarrung meiner Muskulatur usw. Diese
Angst bezeichnen wir als eine Reaktion der Seele. Mit dem Begriff 'Seele' wird in diesem Zusammenhang aber keine Realität bezeichnet wie ein Organ, wie die Leber, die Niere oder das Herz.
Was aber soll dann unter einer Seele verstanden werden? Geht die Seele mit solch einer biologischen
Betrachtungsweise nicht verloren?
Wenn wir neben diesen körperlichen Prozessen eine eigene Realität des Psychischen postulieren, schaffen wir
immereine dualistische Spaltung zwischen Körper und Seele, die wir mit unseren Vorstellungen von Ganzheitlichkeit nicht vereinbaren können. Auch wenn wir uns auf die Hypothese einlassen, daß
Leben an sich etwas Geistiges und Psychisches ist, das halt den Körper benutzt, um in dieser Welt sichtbar werden zu können, schaffen wir einen neuen Dualismus. Tagtäglich tappen wir in diese
Falle, wenn wir davon sprechen, daß eine Krankheit körperlich, psychogen oder psychosomatisch ist.
Natürlich hat die BA ein ganzheitliches Menschenbild. Und gerade weil sie von der Einheit von Körper Geist und
Seele überzeugt ist, hat sie ein Konzept entwickelt, mit körperlichen Interventionen, psychisches Geschehen zu beeinflussen. Aber genau mit diesem letzten Satz formuliere ich wieder einen
Dualismus, teile den Menschen in Körper und Seele. Dies passiert uns in unserem bioenergetischen Konzept und in unserer Praxis auf Schritt und Tritt.
Für die Lösung dieses Dilemmas, kann uns die Systemtheorie Ünterstützung bieten, die in den letzten 20 Jahren
sehr interessante Hypothesen entwickelt hat über die Strukturen von Leben und Entwicklungsbedingungen von Organisationen. Ich meine damit vor allem die Forschungen von Prigogine, Varela,
Maturana.
Nach den Vorstellungen der Systemtheorie wird unter Seele die dynamische Koordination, das Zusammenspiel
körperlicher Organe und Steuerungssysteme in einem einzigen Netzwerk bezeichnet. So ist z.B. ein Auto keine Realität neben der des Motors, des Getriebes, der Räder, der Lenkung usw. Von einem
Auto kann man nur sprechen, wenn all diese Komponenten in einem Netzwerk miteinander koordiniert funktionieren. Die Seele des Autos sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen, die auf
einander abgestimmt, miteinander tätig werden.
Die eigene Seele oder psychische Prozesse wahrnehmen heißt, das Netzwerk biologischer, physiologischer und
physikalischer Prozesse spüren und im Bewußtsein haben.
Selbst wenn es den Geist an sich und die Seele an sich, jenseits unserer Körperlichkeit geben sollte: Mit unserer
Wahrnehmung kommen wir nicht über die Erkenntnis hinaus, daß Psychisches die Summe bzw. das Netzwerk biologischer und physikalischer Prozesse ist.
Die Vorstellung der BA, daß Psychisches seinen Ausdruck findet in körperlichen Prozessen, impliziert also ein
Verständnis von Ganzheitlichkeit, in der es die Spaltung von Seele, Geist und Körper nicht mehr gibt - auch nicht in der Vorstellung. Das Psychische ist das Netzwerk, die Beziehung zwischen
den biologischen Strukturen und ihren Prozessen.
2. Die BA lebt auf der Körperebene und auf der Bilderebene
Wenn Körperpsychotherapeuten ihre Arbeit darstellen, haben sie ein ähnliches Problem wie Menschen, die die
Funktion eines Segelschiffs erklären wollen. Ein Segelschiff ist nämlich ein Schiff und ein Flugzeug: Alles, was unter Wasser ist, gehorcht den Gesetzen schwimmender Objekte, die Segel über
der Wasseroberfläche aber den Gesetzen des Fliegens. Beide Teile bewegen sich in unterschiedlichen Elementen und können nicht mit den gleichen Vorstellungen und Theorien beschrieben werden.
Ebenso lebt und arbeitet die BA immer auf zwei Ebenen: auf der Ebene der biologischen Prozesse und auf der Ebene des sog. Psychischen:
Jede psychotherapeutische Arbeit versucht, auf das Netzwerk des menschlichen Organismus mit seinen
vielfältigen und unterschiedlichen Funktionen Einfluß zu nehmen. Dabei werden bestimmte Komplexe biologischer Prozesse zu Bildern, Gefühlen, Stimmungen, Wünschen, Bedürfnissen, Phantasien
zusammengefaßt. D.h, wir beschäftigen uns nicht mit den physiologischen Prozessen selbst, sondern mit ihrer Zusammenfassung zu Bildern und Vorstellungen.
Die Situation kann man vielleicht vergleichen mit der Arbeit an einem Computer: Wir schreiben mit ihm Texte,
malen mit ihm Bilder oder komponieren Melodien. Doch in Wirklichkeit schreibt, malt und komponiert ein Computer natürlich nicht. Der Computer kann nur rechnen, und die Summe bestimmter
Rechenoperationen wird zusammengefaßt und auf dem Bildschirm als Text oder als Bild dargestellt.
Wer kein besonders gutes Verhältnis zu Cumputern hat, kann sich an einen Theaterbesuch erinnern, in dem er tief
berührt, erfreut oder erregt worden ist vom Schicksal, das den Menschen vor ihm auf der Bühne gerade widerfährt. Mit den Freunden wird man vielleicht noch lange darüber reden, wie die Menschen
dort mit ihren Sorgen umgegangen sind, welche Charaktereigenschaften sie gezeigt haben.
Aber es stimmt natürlich auch nicht. In Wirklichkeit konnte nicht das Schicksal dieser Menschen erlebt werden. In
Wirklichkeit sind Schauspieler in die Rolle bestimmter Personen geschlüpft, sind auf eine Bühne mit viel technischer Ausrüstung gestiegen, haben lange geprobt, um uns dann zu demonstrieren, wie
diese Menschen ihr Schicksal meistern könnten oder vielleicht mit ihm fertig geworden sind. Wenn wir keine professionellen Theatermacher sind, wird uns dieser Unterschied wenig interessieren.
Wichtig sind dann nur die Bilder, die wir sehen, und was sie in uns auslösen und bedeuten.
Ebenso verhält sich die Psychotherapie: Sie kommuniziert nur mit den Bildern und über die Vorstellungen und
Phantasien, die der menschliche Organismus produziert. Wie sie letztlich zustande kommen, ist nicht wichtig. Dagegen ist auch nichs einzuwenden und die Erfahrung zeigt, daß wir Menschen mit
dieser Art der Kommunikation ganz gut zurecht kommen.
Die BA kommt damit aber in ein großes Dilemma. Sie will menschliches Verhalten nicht nur über die
Kommunikation mit den Bildern beeinflussen, sondern in die biologischen Prozesse selbst eingreifen. Sie will die Bühne, die Reaktionen der Schauspieler selbst verändern. Sie beschäftigt sich nicht
nur mit den Aussagen und Wirkungen des Stückes selbst, sondern auch mit dem gesamten Umfeld und Hintergrund, auf dem es produziert wird.
BA beschreibt Psychotherapie auf der Ebene des Psychischen und auf der Ebene physiologischer Prozesse.
Die Begriffe, die aber auf diesen beiden Ebenen gebraucht werden, haben nicht immer die gleiche Bedeutung.
Die mit ihnen beschriebenen Prozesse sind nicht immer identisch.
Wenn sie z.B. einem Psychotherapeuten vom harten und kalten Herzen eines Menschen erzählen, macht er sich bestimmte
Vorstellungen über dessen Lebensgeschichte, das Leid, das ihm begegnet sein mag und wie man diesem Menschen helfen kann, daß sein Herz wieder weich und lebendig wird. Wenn sie die gleiche
Geschichte einem Arzt erzählen, wird er für diesen Menschen nur noch den Totenschein ausstellen.
Sie erzählen beiden Kollegen die gleiche Geschichte, beide reagieren professionell und richtig, aber sehr
unterschiedlich. Denn die Ebenen auf denen sie denken und handeln, sind verschieden.
Wenn wir in der BA sagen, daß wir uns energetischer fühlen, mehr Energie in den Augen des anderen sehen, den
Energiefluß fördern, bestimmte Muskeln ihn blockieren, bewegen wir uns auf der Ebene der Bilder und Vorstellungen. Wir beschreiben damit nicht, was auf der biologischen Ebene geschieht. Wenn uns
bioenergetische Lehrer sagen wollen, mit welchen Übungen wir einen Körper aufladen und energetisch entladen können, dann geben sie uns Handlungsanweisungen für die biologische Ebene. Diese
Übungen oder Handlungen müßten dann auch einen beschreibbaren Effekt in den biologischen Strukturen haben, den energetischen Prozessen die dort ablaufen, entsprechen. Diese Eindeutigkeit gibt es
in der BA aber leider noch nicht. Sie kann es auch nicht geben, solange es z.B. keine klare Definition und Beschreibung gibt, was Energie ist, wie energetische Prozesse im Organismus ablaufen.
Wir müssen in der BA unbedingt lernen, diese Unterscheidung zwischen der Ebene der Bilder und der Ebene
biologischer Prozesse zu realisieren. Tun wir dies nicht, können wir uns anderen Wissenschaften, vor allem den Naturwissenschaften nicht verständlich machen. Auch die Kommunikation untereinander
kann nie eindeutig und effektiv werden.
3. Selbstregulierung und Verlust von Objektivität
Gegen Versuche, den Menschen mit naturwissenschaftlichen Kategorien zu beschreiben, wird immer wieder betont, daß
er keine Maschine ist, sondern etwas ganz anderes. Was ist er dann, und was ist eigentlich eine Maschine, die er nicht sein darf?
Eine Maschine ist ein Gerät, das irgendetwas macht, wenn ich einen Knopf drücke oder an einem Hebel ziehe. Diese
Maschine wird immer das Gleiche machen, nur die Funktion ausüben, die der Erbauer vorgesehen hat. Vergißt man, den Knopf zu drücken, passiert nichts.
Nun kann man aber eine Maschine bauen, die immer ein Zeichen gibt, wenn der Knopf nach einer bestimmten Zeit
nicht betätigt wurde.Es kann mich an meine Aufgabe erinnern. Wenn es zu lästig ist, immer wieder zu einer bestimmten Zeit den Knopf zu drücken, kann man die Maschine mit einem
Zeitschalter versehen, der das Knopfdrücken selbst übernimmt. Die Maschine beginnt, sich selbst zu steuern und zu regulieren. Man kann in sie immer mehr Funktionen einbauen und sie auch
beauftragen, alle diese Funktionen allein zu steuern, zu kontrollieren, auftretende Schwierigkeiten auch selbständig zu beheben.
Im Menschen gibt es auch solche Kontroll-, Steuer- und Selbstregulierungssysteme - wie in einer Maschine. Es sind
zwar unendlich viel mehr solcher Systeme, die es sehr schwer machen, die Zusammenhänge zu verstehen und zu beeinflussen, aber wo soll der prinzipielle Unterschied zu einer Maschine sein?
Regelsysteme legen immer irgendwie fest, wie eine Störung behoben werden soll. Wenn es uns zu heiß wird,
verschaffen wir uns Kühlung, gehen z.B. in den Schatten. Das passiert meist automatisch. Wenn wir aber permanent die Sonne meiden, werden wir nicht braun. Braun werden müssen wir aber, um
mindestens so gut auszusehen wie die anderen Männer oder Frauen, mit denen wir um die besten Liebes- und Lebenspartner konkurrieren. Also müssen wir eine Möglichkeit finden, uns vor zu viel
Sonne zu schützen und trotzdem in der Sonne bleiben und braun werden zu können. Wir müssen das System der Selbstregulierung selbst verändern. Also haben wir Sonnenschutzcremes erfunden.
Genau das unterscheidet lebendige von nicht lebendigen Systemen! Sie sind in der Lage, ihre
Selbstregulierungsmechanismen selbst zu verändern, neuen sozialen oder Umweltbedingungen anzupassen. Wir Menschen tun dies, indem wir uns die betreffenden Prozesse im Bewußtsein
vergegenwärtigen, mit den veränderten Bedingungen konfrontieren und zu einem neuen Selbstregulierungssystem kommen. Gelingt uns das nicht mehr, können wir uns in userem Leben nicht nach unseren
Wünschen und dem sozialen Kontext entsprechend verhalten, wir brauchen therapeutische Hilfe.
D.h., Psychotherapie versucht immer - welche Methode sie auch benutzen mag, das System der
Selbstregulierung des Menschen wieder von seinen Störungen zu befreien und zu optimieren. Die Förderung der Selbstregulierung als therapeutischer Prozeß ist keine Modeerscheinung, sondern
entspricht den Strukturen des Systems selbst, mit dem wir uns beschäftigen.
Wenn ein selbstregulierendes System wie der Mensch in der Lage ist, die Regelkreise selbst neuen Bedingungen
anzupassen und zu verändern, dann bedeutet dies, daß sein Verhalten nicht mehr eindeutig vorhergesagt werden kann. Tausend Menschen zeigen in einer bestimmten Situation ein vorhersagbares
Verhalten. Der nächste Mensch ist aber in der Lage, seine Regelkreise aus irgendeinem Grund zu verändern, für sich eine andere Lösung zu finden. D.h, daß es im Bereich menschlichen Verhaltens
nie und prinzipiell Objektivität geben kann. Alle therapeutischen Konzepte, die wir entwickeln, werden grundsätzlich erst gültig, wenn sie sich in der Arbeit mit einem konkreten Menschen
bestätigen. Zeigen sie ihre Gültigkeit nicht, beginnt die spannende Frage, wie dieser Mensch seine Selbstregulierung gestaltet und verändert hat. Die Forschung beginnt von Neuem.Vielleicht muß
für genau diesen Menschen ein neues therapeutisches Verständnis und Konzept entwickelt werden.
So sehr wir natürlich immer darum bemüht sind, unsere therapeutischen Konzepte kritisch zu befragen und zu
verbessern, Forderungen, sie mit statistischen Methoden zu objektivieren, werden nicht dem System gerecht, mit dem wir uns beschäftigen. Die Struktur des menschlichen Systems, seine Komplexität und
die Fähigkeit, die Regelkreise selbst zu verändern, lassen diese Objektivität nicht zu. Die geforderte Objektivität kann es nur in weniger komplexen Systemen geben, die in ihren Abläufen
eindeutig festgelegt sind.
Diese Fragwürdigkeit wissenschaftlicher Objektivität ist zu einem Kernproblem moderner Wissenschaft überhaupt,
auch der Naturwissenschaft und der Mathematik selbst geworden. Vorwürfe, die BA Analyse sei keine wissenschaftliche Disziplin, weil sie ihre Effektivität nicht mit vielen statistischen
Untersuchungen nachweist, kann nur erhoben werden, wenn man die Ergebnisse moderner Wissenschaftstheorie nicht zur Kenntnis nimmt.
4. BA - ist mehr als Arbeit an der Muskulatur
Wir Bioenergetiker konzentrieren uns immer auf die Verspannungen in der Muskulatur, ihre Bedeutung und die
Möglichkeiten, sie zu lockern. Da gibt es ein traumatisches Erlebnis, das die Muskulatur einfrieren läßt, und in der Therapie führen verschiedene Interventionen zum Auftauen und zur
Lebendigkeit. Es ist ein sehr plausibles Modell. Es entspricht der Struktur einer einfachen Maschine, aber nicht der Komplexität des menschlichen Organismus.
Natürlich ist die Beobachtung richtig, daß traumatische Erfahrungen Muskelverspannungen hervorrufen. Aber warum
konzentrieren wir uns nur auf die Muskulatur, und zwar nur auf die Skelettmuskulatur? Was ist mit der Muskulatur in den Gefäßen, in den Därmen, was passiert in den Organen, in den Zellen, im
Gewebe, im Stoffwechsel oder gar in der molekularen und atomaren Struktur des Organismus? Sollte es einen Grund geben, all diese Systeme als irrelevant auszuschließen und uns nur auf die
Skelettmuskulatur zu konzentrieren, dann müßten wir diesen Grund nennen und begründen. Das tun wir aber in der BA nicht.
Wenn man auf einen verspannten Muskel drückt, um ihn zu lockern, kann man überhaupt nicht verhindern, auch die Haut
mit ihren unterschiedlichen Sensoren zu berühren, und damit dem Nervensystem unterschiedliche Informationen zu geben, die es in Reaktionen umsetzen kann. Gleichzeitig berühre ich natürlich auch
die Gefäße, das Lymphsystem, das Gewebe, die Knochen. Deshalb ist es ganz unmöglich, ein einziges System, z.B. das der Skelettmuskulatur, für den beobachteten Effekt verantwortlich zu machen.
Alle Systeme im menschlichen Organismus können sich durch traumatische Erfahrungen verändern und umgekehrt
auch wieder durch entsprechende Interventionen korrigiert oder modifiziert werden - solange diese Systeme selbst noch lebendig sind. Die BA sollte sich deshalb verstärkt um Konzepte und
Techniken bemühen, möglichst viele der unterschiedlichen Strukturen beeinflussen zu können. Ich denke dabei z.B. an die Craniosacral- Arbeit, an viscerale Techniken, Therapeutic Touch,
Chakrenarbeit, Joga usw.
Deutlich muß noch einmal daran erinnert werden, daß kein System im Menschen allein vor sich hin arbeitet.
Muskelsystem ist mit Nervensystem und Stoffwechsel verbunden, ohne Kreislauf und Atmung kann keine Zelle funktionieren. Alle sind zu einem einzigen Netzwerk miteinander verbunden und nur durch
diese Verknüpfung gibt es Leben und menschliches Verhalten. Wer an einem kleinen Faden an einer Ecke dieses Gewebes zieht, bewegt alles. Wenn wir die Komplexität des Menschen ernst nehmen,
müssen wir das Konzept der Muskelpanzerung erweitern. Traumatische Erfahrungen finden ihren Ausdruck in allen Systemen des Organismus. Sie verändern nicht nur den Muskeltonus, sondern auch die
Gefäße, das Gewebe, den Stoffwechsel, das Immunsystem, die Zellstruktur und die subatomare Struktur.
5. Die Bedeutung von Gefühlen in der Körperpsychotherpie
Gefühle, sie wahrzunehmen und ausdrücken zu lernen, spielt in unserer Arbeit eine zentrale Rolle. Wir müssen
die Menschen wieder vom Kopf in den Bauch bringen. Darin sind sich alle körpertherapeutischen Schulen einig. Brauchbare Begründungen dafür, warum das so ist und sein muß, bieten wir nicht.
Umso interessanter sind viele neurobiologische Hypothesen über die Bedeutung und Aufgabe von Gefühlen für das
Funktionieren und Regulieren des menschlichen Organismus. Diese Hypothesen, besonders solche von Antonio Damasio, bestätigen unsere Ansichten, daß Gefühle immer ihren Ausdruck finden in
körperlichen Prozessen. Er zeigt, daß es ganz unmöglich ist, irgendein Gefühl sich vorzustellen, das nicht mit einer körperlichen Reaktion verbunden ist. Kommt ein Mensch in eine bedrohliche
Situation, stockt sein Atem, die Herzfrequenz steigt und diese körperlichen Empfindungen lösen in seinem Gehirn etwas aus, das wir Angst nennen. Diese Repräsentation der körperlichen
Empfindungen in unserem Gehirn sind unsere Gefühle. Diese Repräsentation der Empfindungen als Gefühle gibt dem Gehirn die Möglichkeit, Schutz und Rettung zu organisieren. Das bedeutet, daß
unsere Empfindungen und ihre Darstellung als Gefühl, Informationen sind, die das Gehirn für seine tägliche Arbeit dringend braucht. Wer von seinen Gefühlen abgeschnitten ist, lebt
genauso gefährlich wie jemand, der nicht mehr spürt, daß er müde oder hungrig ist, friert oder in Gefahr ist. Ohne ausreichende Gefühle kann das Gehirn die Lebensprozesse nicht optimal an
veränderte Lebensbedingungen anpassen. Ohne Gefühle kann das Gehirn nicht denken. Nach den Vorstellungen der Neurobiologie sind unsere Gefühle im Kopf und nicht im Bauch, wie alternative
Psychologiekonzepte behaupten.
Andererseits machen die Menschen immer wieder Erfahrungen, die sie ihre Gefühle im Bauch lokalisieren lassen.
Da die Bauchregion mit seinem Sonnengeflecht besonders intensiv mit neuronalen Strukturen besetzt ist, kann man sich leicht vorstellen, daß dies zu den beschriebenen Empfindungen führt.
Andererseits gibt es Forscher, die zwischen den verschiedenen Schichten der Darmwand eine Art Gewebe entdeckt haben, das der neuronalen Struktur unseres Gehirns sehr ähnlich ist und ziemlich
unabhängig vom Gehirn zu arbeiten scheint.
Vielleicht müssen wir uns mit Vorstellungen vertraut machen, daß es in unserem Organismus nicht nur einen einzigen
Speicher gibt und eine einzige alle Lebensprozesse überwachende Zentrale, das Gehirn. Vielleicht sind wir gar nicht so zentralistisch organisiert, wie wir immer gedacht haben.
Auf jeden Fall zeigt uns die Neurobiologie, daß unsere Arbeit, die Menschen in einen besseren Kontakt mit
ihren Gefühlen zu bringen, keine Luxusbeschäftigung ist. Einen guten Zugang zu seinen Gefühlen zu haben, hat existentielle Bedeutung.
6. Das Energiekonzept der BA
Schon unser Name 'Bioenergetische Analyse' weist darauf hin, daß wir uns mit der energetischen
Situation des Menschen und seinen energetischen Prozessen beschäftigen. Wir laden und entladen den Organismus mit Energie, versuchen, den energetischen Fluß zu verbessern. Wir diagnostizieren
den energetischen Status eines Menschen anhand seiner Blockierungen, an seinem Vitalitätsausdruck und daran, ob er sich kräftig oder schwach fühlt. Wir vergessen aber, daß dies Beschreibungen
der psychischen Ebene darstellen. Sie sagen nichts darüber aus, was energetisch auf der biologischen Ebene wirklich geschieht, wie diese biologische Ebene energetisch beeinflußt werden kann. Um
Aussagen auf dieser Ebene machen zu können, müssen wir definieren, was wir unter Energie im menschlichen Organismus verstehen, und wir müssen anfangen zu beschreiben, wie hier energetische Prozesse
ablaufen.
Die BA hat natürlich Recht, psychische Prozesse als energetische zu beschreiben, denn nach einer
grundlegenden Hypothese der modernen Physik gibt es im uns bekannten Universum überhaupt nichts anderes als Energie und energetische Prozesse. Jeder Stein, jeder Tisch, jeder Muskel, alles ist
Energie - wenn auch in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Es kann deshalb auch keine Form von Psychotherapie geben, die sich nicht mit energetischen Phänomenen beschäftigt. Insofern
beschreibt der Hinweis, daß sich die BA mit Energie beschäftigt noch nichts Spezifisches, was sie von anderen Therapieformen unterscheidet.
Es wurde schon gezeigt, daß der menschliche Organismus durch unzählige Selbstregulierungsmechanismen am Leben
gehalten wird und daß Psychotherapie versucht, sie zu beeinflussen. Kann man vielleicht diese Selbstregulierunsprozesse mit unseren Vorstellungen über energetische Prozesse in Einklang bringen?
Die Steuerungssysteme sind in unserem Organismus zwar immer miteinander koordiniert, trotzdem lassen sie sich
nach verschiedenen funktionellen Einheiten unterscheiden:
1. Gehirn und Nervensystem bestehen aus einem digitalisierten, elektronischen System, in dem die Informationen in
kleine Einheiten, den Bits, zerlegt und mit großer Geschwindigkeit übermittelt werden.
2. An den Übergängen von Nervenfasern ins Gewebe und in die Organe, werden diese Informationen in chemische
Prozesse umgewandelt und auf chemischem Weg weiter transportiert. Dies hat u.a. den großen Vorteil, daß die Reaktionen den Bedürnissen entsprechend gedämpft werden, der Organismus nicht zu
sensibel reagiert. So kann z.B. nur durch solch eine Pufferung mit Ca. Ionen in der Muskulatur eine permanente Tetanie verhindert werden.
3.Prozesse, die nicht unbedingt schnell, aber von hoher Kontinuität ablaufen sollen, werden mit Hormonen gesteuert.
Sie werden in bestimmten Regionen im Gehirn produziert und dosiert, ins Blut ausgeschüttet und in die zu steuernden Bereiche transportiert.
4. Das Immunsystem mit seinen unendlich sensibel reagierenden Mechanismen und seinen engsten Beziehungen zum
Nervensystem steuert nicht nur die Abwehr von schädlichen Organismen, die uns bedrohen, sondern auch die Anpassung an bedrohliche soziale Bedingungen. Wenn die junge Wissenschaft
der Neuropsychoimmunologie heute nachweisen kann, daß alle psychischen Belastungen, Ängste, Beziehungskrisen, Beschämungen usw. vom Immunsystem als Stressfaktoren identifiziert und z.B. sofort
mit veränderten Leukozytenzahlen beantwortet werden, dann beweisen sie geradezu unsere Hypothesen psychosomatischer Zusammenhänge und ihre Beeinflußbarkeit durch Psychotherapie.
Das reibungslose Funktionieren all dieser vier Steuerungssysteme ist für den menschlichen Organismus
unverzichtbar, aber es sind keine energetischen Prozesse im Sinn unserer bioenergetischen Konzeption. Selbst im elektronischen System des Nervensystems geht es nicht um mehr oder weniger
Energie, sondern um die Übermittlung von Informationen. Ob man unsere Vorstellungen vom Energiefluß und seinen Blockierungen in dieser neuronalen Struktur ausfindig machen kann, ist fraglich.
Dies hat nun aber Konsequenzen für unsere Begriffsbildung und für unsere Theorie.Das bedeutet nämlich, daß wir
uns nicht weiter darauf beschränken können, unsere Interventionen ausschließlich als "energetische Prozesse", gleich
welcher Art, zu etikettiern. Alle Prosesse, die neuronalen, chemischen, hormonalen und immunologischen sind in
gleicher Weise wirksam und bedeutend. Sie können uns in spezifischer Weise erklären, wie unsere Arbeit im menschlichen Organismus wirkt. Wir können mit ihnen vielleicht Vorgehensweisen
entwickeln, den Organismus differenzierter zu beeinflussen. Aber Energiearbeit sollten wir es nicht nennen.
Wir müssen also in der Arbeit am Konzept der BA stärker bedenken, daß verschiedene Informationssysteme den
Organismus steuern und von uns beeinflußt werden können. Unsere bekannten Vorstellungen von Energie, Energiefluß, von mehr oder weniger Energie werden aber trotzdem nicht überflüssig und
unsinnig, denn:
1. Es ist völlig unstrittig, daß wir Menschen schlecht oder gar nicht arbeiten und denken können, wenn wir zu
wenig Energie besitzen. Deshalb müssen wir jeden Tag regelmäßig essen. Alle Nahrungsmittel enthalten Energie. Sie werden durch den Stoffwechselprozeß in eine Energieform gebracht, mit der der
Organismus arbeiten kann. Er kann natürlich nichts mit Kartoffeln oder mit Fisch anfangen, sondern nur mit dem sog. 'ATP', der universellen Energieform in unserem Körper.Als
Feinschmecker interessiert sich der Organismus aber nur für einige Elektronen, die das ATP enthält. Er spaltet sie ab und baut sie in das System ein, das gerade mit neuer Energie versorgt werden
muß.Mit diesen Elektronen sind aber Elementarteilchen gemeint, die die Physik beschreibt und deren Eigenschaften sie untersucht und definiert hat. Sie gehören in den Bereich der subatomaren
Realität, sind Träger von Energie und haben eine elekromagnetische Struktur. Das bedeutet aber, daß die Energie, die wir zum Leben brauchen, eine elektrische Energie ist. Es ist die Gleiche, die
wir aus der Steckdose holen um uns ein gutes Essen zu kochen oder schöne Musik zu machen..
In den Konzepten der BA beschäftigen wir uns bisher noch nicht besonders intensiv mit der Frage, aus welchen
Nahrungsmitteln wir die besten Energien für unseren Organismus gewinnen können. Als Quelle neuer Energien erscheint uns die Atmung sehr viel wichtiger zu sein. Wir nehmen an, daß mit vertiefter
Atmung, auch mehr Energie in unseren Körper gelangen kann. Doch Luft und vor allem der Sauerstoff gelten als Katalysatoren. Sie sind notwendig für den chemischen Prozeß mit dem aus
Nahrung Energie freigesetzt wird. Ein Feuer, das mit Holz unterhalten wird, braucht natürlich Sauerstoff, damit es richtig brennen kann. Aber die Energie kommt aus dem Holz und nicht aus dem
Sauerstoff. Ebenso braucht jeder Mensch zur Energiegewinnung Sauerstoff als Katalysator. Aber die Energie gewinnt er aus der Nahrung und nicht aus dem Sauerstoff. Wenn wir mit der Vertiefung der
Atmung oft auch gute therapeutische Effekte erzielen, die Hypothese, daß wir mit Übungen den Körper energetisch aufladen, ist vom Standpunkt derPhysiologie aus nicht zu halten.
Die Übungen sind physikalisch betrachtet Arbeit und bei Arbeit verbrauche ich Energie. Der Organismus
erschöpft sich, lädt sich aber nicht auf. Erst nach der Arbeit, in der Ruhephase, beginnt er, neue Energien herzustellen und zu speichern, also sich aufzuladen.
Außerdem müssen wir beachten, daß ca. 2/3 des Sauerstoffs vom Gehirn benutzt wird, und nur 1/3, der kleine
Rest, vom übrigen Körper. D.h. auch, daß unser Gehirn den größten Energiebedarf hat und daß wir mit unseren Übungen vielleicht mehr unser Gehirn 'aufladen' als unsere Muskulatur.
Von einer energetischen Arbeit in der BA zu sprechen könnte also sinnvoll sein, wenn es um die Frage geht, wie über
unsere Nahrung und durch die Vertiefung der Atmung die Voraussetzungen für eine gute Energiegewinnung verbessert werden können. Wie und wieviel elektrische Energie, welche Elektronen gelangen
von draußen in den Organismus hinein.
Den Tank meines Autos ab und zu mit Benzin aufzufüllen, ist sicher notwendig. Dies ist aber nur sinnvoll, weil
der Motor meines Autos so strukturiert ist, daß er mit diesem Benzin etwas Sinnvolles anfangen kann. Wenn der lebendige Organismus aber ständig Elektronen oder elektrische Energie braucht, um
leben zu können, dann muß er auch Strukturen haben, die mit diesen Elektronen umgehen können. Zwischen allen Knochen, Gefäßen und Därmen müßte es so etwas wie eine energetische Struktur geben.
Wenn wir den Aufbau und die Physiologie der Zellen studieren, dann wird einerseits deutlich, daß sie ein
hochkomplexes Gebilde sind, ein eigenes Universum mit den unterschiedlichsten Produktionsstätten, Transport- und Informationsstrukturen. Andererseits istjede Zelle nur so lange lebendig, wie an
ihr eine elektrische Spannung von ca. 90 Millivolt besteht. Diese Spannung wird konstant gehalten durch die Konzentration von Na Ionen innerhalb und Ka-Ionen außerhalb der Zelle. Die Regulierung
geschieht durch ständigen Ionenaustausch durch die Zellmembran. Informationen von außen können dieses elektrische Potential kurzfristig verschieben und damit die Zelle erregen. Das Organsystem
kann die Erregbarkeit nach Bedürfnis oder Stimmung steuern. Das heißt, es gibt Zeiten, in denen die Zelle mehr oder schneller Substanzen oder Informationen produzieren muß und solche, in denen
sie sich mehr Zeit lassen kann. Eine elektrische Struktur aber, die ihr Potential ständig ändert, schwingt. Sie wird als Oszillator bezeichnet, und solche Oszillatoren erzeugen
eine elektromagnetische Strahlung mit einer bestimmten Frequenz. Wenn jede Zelle in unserem Körper auch nur eine sehr geringe Strahlungsstärke besitzt, summiert sie sich bei der unglaublichen
Zahl von Zellen in unserem Organismus zu einem beachtlichen, strahlenden, elektromagnetischen Energiefeld.
Wenn dann noch Art und Ausmaß der Erregung der Zellen - also die Intensität der Strahlung - von den biologischen
und sozialen Bedürfnissen abhängig ist, dann bedeutet das, daß diese Strahlung oder diese Energie gesteuert und verändert werden kann. Bioenergetische Arbeit könnte dann auch heißen, mit
geeigneten Techniken Intensität und eventuell die Frequenzmuster auf dieser Ebene der Organisation des Menschen zu modifizieren.
Jede elektromagnetische Strahlung kann den Ort ihrer Entstehung verlassen. Wie weit sie sich ausbreiten kann, hängt
von der Intensität ihrer Strahlung und von der Beschaffenheit der Umgebung ab, in die sie sich ausbreiten wird. Auf jeden Fall kann diese Strahlung den menschlichen Organismus verlassen, sich in
Raum und Zeit ausbreiten und von anderen Organismen aufgefangen werden. Sie müssen sich nur auf die jeweilige Frequenz der Strahlung einstellen, genauso, wie ich mein Radio auf genau die
Frequenz einstellen muß, auf der der Sender meines Lieblingsprogramms arbeitet. Beide müssen in Resonanz kommen.
Mit solchen Vorstellungen können wir verstehen lernen, warum in jeder Psychotherapie, auch in der BA die Beziehung
zwischen Patient und Therapeut eine so große Bedeutung hat. Für das Verständnis von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen finden wir auf diese Weise körperliche oder physikalische
Erklärungsmodelle: Der Therapeut stimmt sich, seinen Empfänger, möglichst exakt auf die Frequenzen des Patienten ein, er entwickelt Empathie. So kann er ihn auf einer sehr tiefen Ebene verstehen
und auch erreichen. Der Patient fühlt sich tief verstanden und berührt. Das energetische System des Patienten wird wieder angeregt zu schwingen, die Schwingungen werden intensiviert oder
modifiziert.
7. Orgonenergie und Licht
Mein Versuch, bioenergetische Arbeit als elektrische Prozesse zu beschreiben, basiert auf der Annahme, daß die
Zellstruktur der lebenden Organismen so gestaltet ist, daß elektromagnetische Strahlungen möglich werden. Präzise Messungen auf dieser Ebene der Organisation des Lebens gibt es meines Wissens
noch nicht.
Aber vielleicht ist noch nicht ganz in Vergessenheit geraten, daß der Großvater der BA, Wilhelm Reich, bei seinen
sehr präzisen und seriösen naturwissenschaftlichen Forschungen nach der Energie, die Leben ermöglicht und in Gang hält, bei einer Energie gelandet ist, die er Orgonenergie nennt. Er beschreibt
sie als eine kosmische Energie, weil sie im ganzen Universum zu finden ist. Man kann sie unter bestimmten Bedingungen sehen. In lebenden Zellen kann sie als Lichtbrechung beobachtet werden.
Manche Zellstrukturen zeigen eine strahlende Aura um ihre Membran.
Die BA hat sich um diesen Teil der wissensachftlichen Arbeit von Reich nicht mehr gekümmert. Das Schicksal,
das Reich mit seinen Erkenntnissen erfahren hat, macht die entsprechende Distanzierung verständlich. Sie hat uns aber den tieferen Zugang zu dem versperrt, was die therapeutische Arbeit mit der
Bioenergie sein kann. Doch schon mit ihrem Namen postuliert die BA, sich mit der Energie des Lebendigen beschäftigen zu wollen.
Während die BA versucht hat, sich mit Kicken und Schreien energetisch aufzuladen, haben andere Wissenschaften
begonnen herauszufinden, was es mit der Lebensenergie auf sich hat und können uns nun helfen, unsere Vorstellungen zu untermauern und zu differenzieren.
So gibt es z.B seit ca. 20 Jahren die sog. 'Biophotonenforschung', in der sich Physiker - vor allem
Fritz Albert Popp, dem Versuch widmen, diese Energie des Lebendigen zu erforschen und auch exakt zu messen. Mit Reichs Arbeiten hat die Entwicklung dieser Wissenschaft nichts zu tun. Viele
Ähnlichkeiten ihrer Erkenntnisse sind daher umso beeindruckender.
Popp behauptet und kann es mit entsprechenden Geräten messen, daß jede lebende Zelle ein schwaches
Licht aussendet, also strahlt.
Dieses Licht leuchtet nicht wie eine Glühbirne, sondern wie ein Laserstrahl. Laserstrahlen zeichnen sich dadurch
aus, daß sämtliche Anteile in diesem Licht im Gleichtakt schwingen, sie sind kohärent. Dadurch bekommt das Laserlicht eine große Intensität. Es eignet sich besonders zur schnellen und präzisen
Datenübertragung mit Lichtgeschwindigkeit. Entsprechende Berechnungen haben gezeigt, daß diese Laser der lebendigen Zellen die stärksten Laser sind, die es überhaupt gibt.
Popp konnte auch zeigen, daß die Zellen mit diesem Licht miteinander kommunizieren. In einem Experiment wurde z.B.
deutlich, daß Phagozyten strahlen, sobald sie mit der Abwehr von fremden Eiweisen beginnen. Diese Lichtsignale rufen andere Phagozyten, ihnen bei der Abwehrarbeit zu helfen.
Die Bedeutung dieser Kommunikation mit Licht sieht Popp darin, daß im menschlichen Körper in jeder Sekunde ca.
1 Trillion biochemischer Prozesse ablaufen, die natürlich sehr exakt koordiniert sein müssen. Das Nervensystem ist für diese Aufgabe nicht geeignet, wohl aber solch ein Informationssystem, das
mit Lichtgeschwindigkeit arbeitet. Popp zeigt auch, daß diese Biophotonen den Organismus verlassen und mit anderen Organismen in Kontakt treten können. Diese Vorstellung entspricht in etwa
den schon dargestellten Überlegungen, daß die Zellstrahlung sich außerhalb des Organismus ausbreiten und von anderen Organismen empfangen werden kann.
Als Naturwissenschaftler versucht Popp natürlich, solche Hypothesen im Labor zu beweisen. Dies ist ihm
u.a.dadurch gelungen, daß er die Übertragung von Energie einer bekannten Heilerin auf eine andere Person messen und filmen konnte. Immer, wenn die Heilerin sagen konnte, daß sie in diesem
Augenblick Energie überträgt, haben die Meßgeräte in einem anderen Raum reagiert. Während die Personen einer Kontrollgruppe elektrostatische Aufladungen bis 4 Volt erreichen konnten, lagen die
Maximalwerte von ausgebildeten Heilern bei 60 - 180 Volt.
Die Biophotonenforschung zeigt uns, daß es in lebenden Organismen ein koordinierendes Steuerunssystem gibt, das in
unseren Vorstellungen von lebenden Wesen und vom Menschen noch keinen Platz gefunden hat. Es ist ein System, das mit Laserstrahlen arbeitet. D.h. es ist ein Energiesystem mit beträchtlicher
Strahlungsintensität und mit großen Fähigkeiten der Datenübertragung. Das optimale Funktionieren dieses Systems, die Versorgung mit neuen Energien von außen, ist für lebende Systeme von großer
Bedeutung. Energetische Arbeit, die Schwerpunkt unser therapeutischen Arbeit sein soll, könnte genau dieses System meinen, das wir versuchen zu beeinflussen und zu modifizieren.
Ob unsere Körpertechniken dafür ausreichend und adäquat sind, wäre wichtig, herauszufinden. Neben den
Körpertechniken aber wird auch immer mit der Beziehung zwischen Therapeut und Klient gearbeitet und die vorgetragenen Hypothesen zeigen, daß Beziehung ein System ist, Energien und damit
verbundene Informationen ohne Worte zu übertragen. Mit Beziehung kann man die energetische Situation im Klienten verändern. Die Optimierung des energetischen Potentials im Therapeuten, seine
Fähigkeit, es dem Klienten zu senden oder "rüber kommen zu lassen" bestimmt die Effektivität unserer Arbeit.
8. Zusammenfassung
Als Körperpsychotherapeut versuche ich, die psychotherapeutische Arbeit vom biologischen und physiologischen
Blickwinkel aus zu betrachten. Mich interessiert dabei, welche Fragen und Einsichten bei solch einer konsequent einseitigen Sichtweise auftauchen, welche Bedeutung sie für die Theoriebildung und
die Weiterentwicklung der BA haben können.
1. Diese Sichtweise setzt voraus, den Menschen zu beschreiben als ein komplexes System, das sich mit
Selbstregulierungsprozessen am Leben erhält und weiterentwickelt. Diese Prozesse brauchen ausreichend Zufuhr neuer Energien. Die Entwicklung solcher Systeme geschieht immer aus dem Zustand von
Instabilität.
2. Selbstregulierungssysteme funktionieren nur mit einer ausreichenden Vernetzung ihrer Teile. Die Beziehung dieser
Teile oder Subsysteme bestimmt ihr Wesen, ihre Seele. Dadurch erscheint die Seele des Menschen als das Netzwerk, das die biologischen Prozesse miteinander verbindet und koordiniert. Psychisches
ist kein Ding oder Prozeß neben den biologischen Systemen. Psychisches ist der Prozeß der Beziehung zwischen den Elementen selbst.
Deshalb kann es keine Trennung geben zwischen Seele, Geist und Körper. Psychische Phänomene sind immer Ausdruck der
Selbstregulierungsprozesse im Organismus.
3. Im menschlichen Organismus ist der Zustand der verschiedenen Informationssysteme von großer Bedeutung. Sie
können in der psychotherapeutischen Areit optimiert und modifiziert werden. BA kann sich in ihrer Arbeit nicht nur auf energetische Prozesse konzentrieren, sondern muß in Theorie und Praxis auch
die Informationssysteme im Blick behalten.
4. Die Bioenergie, mit der wir in unserem Konzept arbeiten, ist zu definieren als elektromagnetische Energie
mit physikalischen Eigenschaften. Sie ist u.a. erforderlich, um die Zellstruktur und ihre Prozesse aufrecht zu erhalten. Dann gibt es diese Energie als koordinierendes System aller Prozesse
im lebenden Organismus. Es ist eine Energie mit Laserqualität. Damit hat sie auch Strahlungscharakter.
5. Beziehung, als unverzichtbares Element im therapeutischen Prozeß, wird verstanden als Austausch von
Informationen auf nonverbaler Ebene. Physikalisch wird dieser Austausch dadurch möglich, daß sich Sender und Empfänger auf eine gemeinsame Frequenz einstimmen. Da dieses Kommunikationssystem
sich in großen Zeiträumen der Evolution entwickelt hat, ist es unseren körpertherapeutischen Interventionen bisweilen überlegen.
6. Da alle Systeme im menschlichen Organismus miteinander vernetzt sind, können wir unsere Interventionen oder ihre
Effekte nicht nur auf ein einziges System beziehen, z.B. mit blockierter Muskulatur in Verbindung bringen. Wir müssen damit rechnen, immer alle Systeme zu erreichen, bis in den subatomaren
Bereich hinein.
7. Die Beschreibung der BA mit biologischen und physiologischen Kategorien kann dazu führen, ihre Theorie zu
präzisieren und zu differenzieren. Die Praxis kann durch die Erweiterung unserer Techniken sicher verbessert werden. Gerade für die Modifizierung unserer praktischen Arbeit können wir gute
Anregungen finden bei den verschiedensten therapeutischen Schulen, die mit der Modifizierung körperlicher und energetischer Strukturen arbeiten.
8. Natürlich werden wir uns mit unseren Klienten auch zukünftig über psychische Befindlichkeiten austauschen
und nicht über Elektronen und Prozeßsteuerung reden. Die BA hat mit ihrem körperlichen Ansatz aber die Chance, mehr Realität und Kongruenz in die Vorstellungen über psychotherapeutische Prozesse
zu bringen.
9. Solch eine materialistische Sichtweise des Menschen und psychotherapeutischer Prozesse mag zunächst befremden.
Die Befürchtung taucht auf, daß das Menschliche, das das Leben sinnvoll und schön werden läßt, verloren geht.
Natürlich hat die Beschäftigung mit diesen Fragen viele meiner Vorstellungen verändert. Aber eigentlich
staune ich immer mehr über uns Menschen, das Leben und das Universum, wenn ich versuche, seine Strukturen und Prozesse besser zu verstehen, wenn ich erlebe, wie komplex es in uns eigentlich
zugeht.
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