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© Rainer Mahr
Das Konzept der Bioenergetischen Analyse
Die Bioenergetische Analyse ist
1. ein Psychotherapieverfahren, das für die Diagnose, den therapeutischen Prozess und die Wirkung
psychotherapeutischer Interventionen auf die körperliche Verfassung und seine Veränderungen achtet. Sie versucht, neben verbalen auch mit körperlichen Interventionen, psychische Prozesse zu
beeinflussen.
2. beschreibt psychisches Geschehen auch als Ausdruck biologischer, physiologischer, neuronaler und energetischer
Aktivitäten .
1. Grundkonzept
Die Bioenergetische Analyse wurde von Alexander Lowen entwickelt, indem er viele Konzepte und Vorstellungen von
Wilhelm Reich aufgegriffen, weitergeführt und modifiziert hat (Lowen 1979, 1981, 1967).
Grundlegend für dieses Konzept ist die Vorstellung von der untrennbaren Einheit des körperlichen, geistigen und
psychischen Geschehens menschlicher Wesen. Diese Vorstellung ist begründet durch viele alltägliche Erfahrungen und wissenschaftliche Beobachtungen, dass psychische Befindlichkeiten immer
ihren Ausdruck und Niederschlag finden in körperlichen Reaktionen, Haltungen, Bewegungen und Verhaltensweisen und umgekehrt. Ohne funktionierende körperliche Organisation sind Emotionen,
geistige Prozesse und Entscheidungen nicht möglich, findet psychisches Geschehen keinen Ausdruck. Traumatisierende Erfahrungen in der kindlichen Entwicklung, die ins Unbewusste verdrängt
werden und zu neurotischen oder zu Persönlichkeitsstörungen führen können, finden ihren Niederschlag auch im körperlichen Ausdruck und in der Haltung, dem Gang, in Bewegungsmustern, der
Stimme eines Menschen. Diese Erfahrung wird im Körper gespeichert, besonders deutlich in der Muskulatur aber auch in den anderen Systemen der physiologischen Organisation. Deshalb sind auf
dieser Körperebene bereits Erfahrungen gespeichert und können gelesen werden, die vor der Entwicklung jener neuronaler Strukturen stattgefunden haben, die imaginatives und kognitives Erinnern
erst ermöglichen. Der frühe postnatale oder gar perinatale Lebensbereich kann besser eingesehen und verstanden werden.
In der körpertherapeutischen Arbeit wird wie in der Psychotherapie versucht, die unbewussten Bilder, Fantasien und
Erinnerungen wiederzubeleben und der Bearbeitung zugänglich zu machen. Darüber hinaus geht es auch darum, die körperlichen Erinnerungen wieder wahrzunehmen und im entwicklungsgeschichtlichen
Zusammenhang zu verstehen. Die spezifischen Spannungsmuster in der Muskulatur, die eigene Körperhaltung, der Gang, die Qualität der Atemmuster, der Stimme usw. sollen wieder gespürt werden.
Ihre Bewusstwerdung und Bearbeitung kann die körperlichen Einstellungen verändern und damit auch psychische und geistige Prozesse in Bewegung bringen. Mit unterschiedlichen aktiven oder
passiven körperlichen Interventionen ist es möglich, diesen Prozess körperlicher Erinnerung anzuregen oder gespeicherte Muster in der physiologischen Organisation aufzulösen.
Bioenergetische Arbeit besteht daher immer aus zwei wesentlichen Teilen, aus den Säulen der psychologischen
Bearbeitung traumatischer Erfahrungen und der körperlichen Bearbeitung von Verspannungen oder Blockierungen im menschlichen Organismus. So lange ein Mensch traurig aussieht kann er seinen
Trauerprozess nicht abgeschlossen haben. Die manuelle Lockerung der Kiefermuskulatur kann so lange keine dauerhafte Wirkung haben, solange die mit ihr zurückgehaltene Wut nicht geklärt werden
konnte.
A. Lowen hat sich aus verschiedenen Gründen nicht ausführlich mit dem Begriff der Energie auseinandergesetzt.
„Energie“ spielt jedoch in seinem Konzept eine große Rolle und damit steht er in der unmittelbaren Tradition von W. Reich und den frühen Arbeiten von S. Freud:
Leben wird immer durch energetische Prozesse gesteuert, daher behindern, Störungen Fehlregulationen,
„Blockierungen“ die Entwicklung seines Potenzials. Die aktuellen Erfahrungen eines Menschen oder seine traumatisierende Entwicklung bestimmen sein verfügbares Energieniveau, Ausmaß, Art
und Weise, wie die Energie im Körper fließen oder zurückgehalten werden kann. Sie kann sehr stark im Inneren eines Menschen gleichsam wie „eingefroren“ sein, im oberen Bereich eines
Körpers stark, im Becken oder in den Beinen nur schwach verfügbar sein usw.
Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird neben der Qualität von Interaktion und Beziehung vom verfügbaren
Energieniveau und der Strukturierung der Energie im Organismus bestimmt werden. Ein Kind mit geringem Energieniveau z.B. wird sich restriktivem Elternverhalten weniger gut erwehren können und
eventuell depressiv reagieren im Gegensatz zu einem Kind, das sehr viel Kraft und Widerstand mobilisieren kann.
Die Bioenergetische Analyse hat die unterschiedlichen und möglichen Folgen von verschiedenen psychischen und
körperlichen Erfahrungen im frühen Leben eines Menschen zu einem Charakterstrukturmodell entwickelt Lowen 1979. Bäuerle 1988), nach dem spezifische Lebenserfahrungen, die in ganz bestimmten
Entwicklungsphasen gemacht werden, die Persönlichkeit eines Menschen in ganz spezifischer Weise prägen. Sie prägen sein Verhalten, seine Beziehung zu Menschen, zur Welt, seine Erwartungen an
die Welt, seine geistige, körperliche und emotionale Orientierung, seine körperliche Haltung und seinen Ausdruck. Alle körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen während
bestimmter Entwicklungsphasen konstituieren bestimmte Persönlichkeitsaspekte und können befriedigendes und erfülltes Leben so sehr erschweren, dass therapeutische Hilfe sinnvoll wird. Somit
können die verschiedenen Charakterstrukturen in der Diagnostik Hinweise geben, in welchen Bereichen ein Mensch in seinen Lebensmöglichkeiten eingeschränkt ist und in welcher Entwicklungsphase
die Störung oder Traumatisierung stattgefunden hat. Eine Charakterstruktur beschreibt aber immer die Persönlichkeit eines Menschen, nicht nur seine Pathologie). Sie sieht neben den
traumatisierenden Erfahrungen und daraus folgenden Einschränkungen der Lebensqualität auch die damit einhergehenden spezifischen Fähigkeiten und seine Identität. Da der unmittelbare Ausdruck
von Impulsen nicht möglich war, die dringend notwendigen Hilfen an Halt, Schutz, Ermunterung nicht gegeben wurden, hat sich der betroffene Mensch Alternativen, Notlösungen geschaffen, um
weiter leben und sich entwickeln zu können. (Schwieger 1998).
Das bioenergetische Charakterstrukturmodell kennt die eine schizoide, orale, masochistische, psychopathische
(narzisstische), rigide und inzwischen auch eine Borderline Struktur.
Mit der Bioenergetischen Analyse können alle Störungsbilder bearbeitet werden, die der psychotherapeutischen
Behandlung zugänglich sind. Frühe Persönlichkeitsstörungen, ödipale Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen werden aber mit sehr unterschiedlichen Interventionen bearbeitet. Die
therapeutische Arbeit ist im Einzel- oder Gruppensetting, mit Erwachsenen und bei entsprechender Modifikation auch mit Kindern möglich (Ventling, 2001).
2. Grundannahmen der Bioenergetischen Analyse
Die Bioenergetische Analyse, wie sie kurz skizziert wurde, basiert auf verschiedenen Annahmen über die psycho-
physische Struktur des Menschen, die Wirkzusammenhänge biologischer und psychischer Prozesse und ihre Modifizierbarkeit. Es gibt spezifische Vorstellungen über Gesundheit und Krankheit und
ihren Heilungsprozess und über die Art und Bedeutung von Beziehung im therapeutischen Prozess. Es wird die Forderung akzeptiert, dass die Konzepte und Hypothesen einem wissenschaftlichen
Diskurs ausgesetzt und überprüfbar sein müssen. Die körperliche Sichtweise des psychischen Geschehens macht die neuerliche Reflexion der Körper - Seele - Geist - Einheit notwendig. Das
Energiekonzept wird mit den entsprechenden physikalischen Definitionen in Einklang gebracht.
2.1. Selbstregulation
Wenn die Bioenergetische Analyse in ihrem Konzept und in ihrer Arbeitsweise die untrennbare Einheit von Körper,
Seele, Geist anerkennt, verfolgt sie wie viele andere Schulen der Körperpsychotherapie einen „ganzheitlichen Ansatz“. Da sie aber das Zusammenspiel von biologischen und psychischen
Prozessen verstehen und beeinflussen will, muss sie ein Konzept von der Struktur und der Organisation dieses Geschehens entwickeln.
Grundlegend ist dabei die Annahme, dass Lebewesen und insbesondere der Mensch nach dem Prinzip der Selbstregulation
organisiert ist (Capra 1996): Mit dem Ziel, das lebende System zu erhalten, seine Lebensbedingungen zu optimieren, sich zu vermehren, versucht es, sich veränderten Bedingungen anzupassen,
Störungen in selbstregulierenden oder selbstheilenden Prozessen zu beseitigen. Das Prinzip der Selbstregulation gilt nicht nur für die Prozesse innerhalb des menschlichen Organismus.
Selbstregulierend gestaltet er auch seine Beziehungen zur unbelebten und belebten, sozialen Umwelt, um optimale und sichere Lebensbedingungen zu finden (Damasio 1996).
Dieses System ineinander und miteinander vernetzter Regelkreise ist so vielschichtig, dass man von außen nur schwer
bestimmen kann, ob und an welcher Stelle es möglich ist, sicher und gezielt zu intervenieren. Das „System“ Mensch braucht auch erst dann Hilfe, wenn der Selbstregulationsprozess durch
äußere oder innere, biologische oder psychische Ereignisse massiv gestört wird. Wir arbeiten daher in der therapeutischen Arbeit besonders an der Beseitigung jener Faktoren, die die
Selbstregulation, meist Selbstheilung genannt, erschweren oder verhindern. Zu diesen Faktoren gehören dysfunktionale Verhaltens- und Einstellungsmuster, traumatische Erfahrungen mit akuten
und chronischen Ängsten, aber auch starke Bedürfnisrestriktionen, oder Bedingungen, die das Selbstwertgefühl behindern, körperliche Spannungsmuster unterschiedlicher Art. Körpertherapeutische
Arbeit ist auf diesem Hintergrund auch immer präventive Arbeit, indem sie die Voraussetzungen verbessert, mit denen der menschliche Organismus sich selbst regulieren kann.
Selbstregulierende Prozesse gibt es nicht nur im menschlichen Organismus, sondern selbst in unbelebten Strukturen
unserer Welt. Für ihn gilt allerdings, dass er durch seine Denk- und Bewusstseinsstrukturen die Regelkreise selbst verändern und neuen Lebensbedingungen anpassen kann. Damit zählt der Mensch
zu den „komplexen“ Strukturen in unserer Welt, ist dem Bereich „nichtlinearer“ Wirklichkeit zuzuordnen, mit der Konsequenz, dass sein Verhalten prinzipiell nicht voraussagbar ist
(Capra 1996). Damit relativieren sich Gültigkeit und Objektivität von beobachteten Wirkzusammenhängen psychotherapeutischer Prozesse.
Verschiedene Ebenen der Selbstregulation
Neben dem Prinzip der Selbstregulation sieht die Bioenergetische Analyse, dass sich menschliches Leben auf
unterschiedlichen Ebenen abspielt (Mahr 2001):
Im Körper eines Menschen finden Prozesse auf der physiologischen
Ebene der Organe statt, die miteinander vernetzt, selbstregulierend agieren (Buhl 2001, Miketta 1997).
Diese werden weitgehend durch neuronale Prozesse gesteuert, die
ihrerseits eigene Arbeitsstrategien und Aufgaben verfolgen.
Jedes Organ lebt von und durch eine spezifische Zellstruktur mit
eigenen Informations- und Regulationssystemen.
Weitere Ebenen gibt es mit den molekularen, atomaren bis subatomaren
Strukturen mit ihren Wirkzusammenhängen, ohne die es kein Leben geben kann (Warnke 1998, Bischof 1995 , Dzempra-Depré, Popp 1984 ).
Die Begriffe „Bioenergie“ und das Reichsche Konzept der
„Orgonenergie“ haben hier ihren Platz (Boadella 1980).
Da alle Ebenen untrennbar ineinander wirken, kann jede
therapeutische Intervention auch auf jeder dieser Ebene eine Wirkung entfalten. Umgekehrt muss gefragt werden, ob bestimmte Interventionen für eine Ebene besser geeignet sind als für eine
andere. So scheinen Prozesse auf der neuronalen oder subatomaren Ebene eher mit meditativen Methoden als mit aggressiven Bewegungsprogrammen erreicht werden können, die auf der
physiologischen Ebene dagegen sehr effektiv sein können.
Eine solch differenzierte Sichtweise des Menschen erlaubt der
Bioenergetischen Analyse präzisere Konzepte zu entwickeln in Bezug auf Wirkung und Gestaltung ihrer Arbeit.
- 2.2. Körper - Seele - Geist - Einheit
Wenn psychisches Geschehen immer eine biologische und physiologische
Grundlage hat und als Ausdruck dieser Prozesse angesehen werden kann, lässt sich das Verhältnis von Körper - Geist und Seele mit Capra u.a. als Funktion des körperlichen Geschehens
begreifen und beschreiben (Capra 1996). Das Seelische ist oder entsteht als Folge des hochkomplexen und vernetzten Zusammenspiels seiner Teile. So wird z.B. ein Auto nicht durch die
Vielzahl seiner Teile zum Auto, sondern erst durch die funktionale Verbindung dieser Teile. Trotzdem werden sich die „Seele des Autos“ von der lebender Wesen stark unterscheiden,
z.B. durch die Fähigkeit, selbst Nachkommen zu schaffen, die Systeme selbst weiter zu entwickeln, Fähigkeiten zu schaffen, die das System vorher nicht kannte. Voraussetzung für diesen
Prozess ist ein ständiger Energiestrom durch das System (Capra 1996).
Mit dieser Sichtweise wird in keiner Weise in Frage gestellt, dass
der funktionale Ausdruck der körperlichen Prozesse - das Seelische - für unser individuelles und soziales Zusammenleben von größter Bedeutung ist. Beobachten können wir aber nur den
Ausdruck, Folge des biologischen und physiologischen Geschehens, das wir als etwas Psychisches erleben. Selbst transpersonale Erfahrungen können mit den Kategorien der materiellen oder
energetisch strukturierten Welt beschrieben werden. Sichtweisen der modernen Physik, insbesondere der Quantenphysik liefern dazu gute Modelle.
Der menschliche Organismus wird krank, wenn seine
Selbstregulierungsfähigkeiten gestört, eingeschränkt oder zusammengebrochen sind. Dies kann durch die Zerstörung von biologischen Strukturen geschehen. Aber auch Lebensbedingungen,
erworbene Verhaltensweisen und Einstellungen, vor allem in der frühen kindlichen Entwicklung, können einen Menschen dauerhaft daran hindern, das zu tun, was er für die Aufrechterhaltung
seiner Sicherheit, seiner Lust, seiner Weiterentwicklung tun muss. Diesen Prozess beschreibt Wilhelm Reich mit dem Konzept der Pulsation, der Aufladung und Entladung, der Ausdehnung und
Kontraktion aller lebendigen Systeme. Wird diese Pendelbewegung unterbrochen und gestört, wird das ganze System irritiert, die autonome Pulsation und die Entwicklung der lebendigen
Prozesse werden eingeschränkt oder verhindert. Das System versucht, selbstregulierend alternative und kompensatorische Entwicklungen zu schaffen (z.B. kollaterlale Kreisläufe bei
verstopften Venen, die Aktivierung neuer Hirnregionen bei Zerstörung spezifischer Funktionen). Auf der psychischen Ebene sind neurotische Symptome, schocktraumatische Reaktionen oder
charakterspezifische Verhaltensweisen als solche kompensatorischen Reaktionen zu verstehen. Sie helfen dem System, weiter zu existieren, schränken es in seinen Möglichkeiten aber mehr
oder weniger ein.
2. die Faktoren zu beseitigen, die die Pulsation oder den
Energiefluss behindern, oder den Klienten zu befähigen, anders damit umzugehen.
Die vielleicht sehr alte traumatische Situation wird in einer Zeit
und Umgebung reinszeniert, die sich von der traumatisierenden auf unterschiedliche Weise unterscheidet Der Patient ist inzwischen erwachsener, kompetenter, stärker, unabhängiger, die
therapeutische Situation bietet Vertrauen, Hoffnung, Halt, Verständnis. Dadurch wird die Überprüfung möglich, ob z.B. tatsächlich noch die Bedrohung gegeben ist, die den inneren Rückzug,
die Kampfbereitschaft, den Verzicht auf wichtige Bedürfnisse und Wünsche notwendig macht. Diese Prozesse sind keineswegs nur rational, wie diese rationale Beschreibung nahe legen könnte.
Sie sind in allen Schichten des menschlichen Organismus möglich und oft auch notwendig, in den rationalen, emotionalen, psychischen, biologischen, physikalischen, subatomaren..
Wenn andere therapeutische Schulen, z.B. die Psychoanalyse, den
Therapieprozess als Wiederbelebung der traumatischen Situation beschreibt, die dann durchgearbeitet werden muss, meint sie möglicherweise den gleichen Vorgang
Gesund und heil wäre ein Mensch, wenn seine
Selbstregulierungsprozesse im Innern des Organismus und nach draußen in die Umwelt und seine soziale Wirklichkeit so gut funktionieren, dass sein Überleben, seine Fortpflanzung und seine
Entwicklung optimal garantiert sind.
Unabhängig davon, dass die Bioenergetische Analyse noch kein
komplettes psychosomatisches Modell entwickelt hat, in dem bestimmte Krankheitsbilder spezifischen psychischen Ursachen zugeschrieben werden, kümmert sie sich vor allem um die
Verbesserung der Selbstregulierungsprozesse. Denn Störungen in diesen komplexen Netzwerk können zu akuten Krankheiten führen, und wenn der Organismus nicht selbst in sein Gleichgewicht
zurückfindet, wird es zu chronischen Krankheiten oder gar zum Tod kommen.
Jede Krankheit kann direkt oder indirekt durch äußere, mechanische,
biologische und klimatische Einwirkungen oder durch entsprechende psychische Faktoren verursacht werden. Psychosomatisch erkrankt ist ein Mensch, wenn vermutet werden muss, dass vor allem
psychische Konflikte für die Erkrankung verantwortlich sind. Eine psychosomatische Erkrankung hat eine reale körperliche Basis, auch wenn dies nicht immer ausreichend nachgewiesen
werden kann. Es handelt sich weder um Einbildung noch um Suggestion. Wenn andererseits bei klassisch psychischen Erkrankungen, z.B. der Depression, körperliche Defizite festgestellt
werden, z.B. das Fehlen bestimmter Neurotransmitter, beweist das noch nicht , dass es sich doch „nur um eine körperliche Erkrankung“ handelt. Denn ohne körperliches Ereignis kann es
auch keinen körperlichen Ausdruck, z.B. in Form depressiven Verhaltens geben.
In der therapeutischen Arbeit von psychosomatischen Störungen
arbeiten wir auch vornehmlich daran, Selbstregulation und Selbstheilung in der schon beschriebenen Art und Weise zu verbessern. Die Stärkung der Selbstwahrnehmung und des Kontaktes zum
eigenen Körper bekommen hier eine besondere Bedeutung.
Wie in vielen anderen psychotherapeutischen Konzepten spielt die
Qualität der Beziehung zwischen Patient und Therapeut für das Gelingen der therapeutischen Arbeit eine große Rolle. Entwicklungspsychologie und vor allem die Neurobiologie zeigen, dass
die körperliche, emotionale und geistige Entwicklung eines Menschen nur in Interaktion und Beziehung zu anderen Menschen gelingen kann (Shore 1994, Ciompi 1990). Es ist daher plausibel,
dass die Modifikation solcher Prozesse auch nur mit dem Instrument von Kommunikation und Beziehung erfolgreich ist. Gerade die große Bedeutung von Projektionen und Übertragungen in der
Psychotherapie weisen darauf hin, dass bestimmte Einstellungen, Gefühle und Verhaltensweisen mit einer prägenden Beziehung zu einem Menschen verbunden sind. Diese Verknüpfungen versucht
die Übertragungsarbeit deutlich zu machen und zu lösen, damit neue Beziehungsstrukturen entstehen können, die der realen Lebenssituation angemessener sein können.
In erster Linie ist Beziehung eine Struktur, in der Informationen
kommuniziert werden können, die für die Entwicklung und Modifizierung eines lebendigen Systems notwendig sind (Mahr 1999). Um so tiefer in der Struktur Veränderungen ermöglicht werden
sollen, umso spezifischer sind die erforderlichen Informationen und Beziehungen. Vielfach scheinen es die emotionalen Beziehungsstrukturen mit den nonverbalen Kommunikationsformen bis hin
zu telepathischen zu sein, die hier wirksam werden. Wir beschreiben diese Beziehungs- und Kommunikationsformen oft mit der Empathie und Resonanz, die zwischen den Beteiligten möglich
wird. Dass dieses Beziehungsgeschehen einen biologischen und physikalischen Hintergrund hat, wird durch die entsprechenden Naturwissenschaften zunehmend klarer.
Die Bioenergetische Analyse nutzt in ihrer Arbeit alle Möglichkeiten
und Kanäle, miteinander zu kommunizieren. Neben der Sprache, sind Stimme, Gestik, Mimik, Blickkontakt, Körperausdruck, Körperhaltung, Bewegung im Raum und Berührung gleichwertige Formen,
dem anderen etwas mitzuteilen und von ihm zu erfahren. Gerade die nonverbalen Kommunikationsformen einschließlich des Körperkontaktes eignen sich besonders gut für die Beschäftigung mit
Erfahrungen aus der frühsten Geschichte eines Menschen, weil sie in dieser Zeit ausschließlich oder überwiegend das Medium der Verständigung waren. Wie die Sprache ist auch der
Körperkontakt in den therapeutischen Kontext eingebunden und gilt in der Bioenergetischen Analyse als therapeutische Intervention (Mahr 1994). Die dabei auftauchenden Bilder, Empfindungen
und Gefühle werden exploriert und geklärt. Welche Form des Körperkontaktes sinnvoll ist, wird durch den therapeutischen Prozess und die therapeutische Beziehung bestimmt.
Körperkontakt und körperorientierte Interventionen werden in der
Bioenergetischen Analyse auch eingesetzt, um das Körperbewusstsein der Menschen zu verbessern, verspannte Muskulatur und Gewebe zu lockern, die Atmung zu vertiefen. Da diese
Spannungszustände der Abwehr von heftigen und unerwünschten Gefühlen dienen, führt ihre Auflösung wieder zum Kontakt mit Wut, Schmerz, Lust usw. und macht sie der Bearbeitung zugänglich.
Das kathartische Ausleben von Gefühlen, mit dem die Bioenergetische Analyse oft in Verbindung gebracht wird, hat vor allem das Ziel, verdrängte und eingefrorene Gefühle wieder wahrnehmbar
und erlebbar zu machen. Sie allein führen in der Regel nicht zur Heilung. Sie sind eingebunden in den psychotherapeutischen Prozess, müssen in ihrem historischen, sozialen und
psychologischen Kontext gesehen und bearbeitet werden.
Psychotherapeutische Arbeit mit dem Körperkontakt ist nur möglich,
wenn er ausschließlich für den therapeutischen Prozess genutzt wird. Nur mit dieser Sicherheit kann der Patient Berührung zulassen, ihre Bedeutung und seine damit verbundenen Ängste
verstehen lernen. Einen sexuellen Kontakt aus therapeutischen Gründen gibt es nicht, weil eine therapeutische Beziehung sich grundsätzlich von realen Beziehungen in unserem Leben, mit
ihren Zielen und Regeln unterscheidet. So hält auch die Bioenergetischen Analyse persönliche Beziehungen und Bindungen zwischen Therapeut und Patient vor während oder nach einer Therapie
nicht für möglich.
Schon bei Freud, dann aber in ganz besonderer Weise seit Wilhelm
Reich spielen Energiekonzepte in der Körperpsychotherapie eine große Rolle. Als abendländische Therapieform orientiert sich die Bioenergetische Analyse bei der Beschreibung von
energetischen Strukturen und Prozessen an den Vorstellungen der Physik, die Energie als „die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten“ (Tipler 1995), definiert. Diese Fähigkeit kann in
unterschiedlichen Energieformen ihren Ausdruck finden (Potenzielle, mechanische, kinetische, elektrische, elektromagnetische Energie, usw.). Es sind diese physikalischen Energieformen,
die den menschlichen Organismus entwickeln und steuern. Es ist daher nicht notwendig, spezielle „Lebensenergien“ zu postulieren. In uns wirken die gleichen Energien, die unser
Universum seit seinem Bestehen und bis in seine ferne Zukunft zusammenhält.
Da es in unserem Universum nichts anderes gibt als energetische
Strukturen, kann auch kein Psychotherapeut etwas anderes machen, als mit Energie umzugehen - ob er nun Träume deutet oder Verhalten modifiziert.
Die Bioenergetische Analyse versucht aber, ein besonderes Augenmerk
auf die Art und Weise zu richten, mit der energetische Strukturen in unserm Organismus wirken und wie sie beeinflusst werden können. Die Arbeit mit Bewegung, Ernährung und Atmung
verändert z.B. das Energieniveau auf der Organebene oder in den Zellstrukturen, Beziehungsarbeit, meditative Methoden können die neuronalen und subatomaren Ebenen in besonderer Weise
erreichen.
Die Begründung für diesen Fokus ergibt sich aus der Struktur und
Funktion, die Gefühle für die Prozesse der Selbstregulation im Organismus und mit seiner biologischen und sozialen Umwelt haben. Die Neurobiologie (Damasio 1996, Ciompi 1999) beschreibt
als Ursprung für alle Gefühle körperliche Empfindungen ( Wärme, Kälte, Spannung, Erregung usw.), die dem Gehirn anzeigen, dass der Organismus Defizite, Bedürfnisse hat, die geregelt
werden müssen. Es sind Messdaten über den Status der körperlichen Befindlichkeit. Verschiedene Empfindungen werden im Gehirn zusammengefasst und als ein Gefühl wahrgenommen. Gefühle sind
somit die Repräsentation körperlicher Empfindungen. Mit ihnen wird das Gehirn in die Lage versetzt, Entscheidungen zu treffen, Selbstregulierungsprozesse zu verändern. Eine gute
entwickelte Gefühlswelt hilft dem Menschen beim Denken, Planen und Entscheiden seiner Verhaltensweisen.
Die Bioenergetische Analyse versteht sich als wissenschaftliche
Psychotherapieform und versucht, ihre Begriffe klar zu definieren, die Hypothesen so zu formulieren, dass sie überprüft werden können und stellt sich dem wissenschaftlichen Diskurs (Mahr
2001, Chalmer 1999, Kriz 2000).
Ihre Konzeption ist weitgehend aus den Erfahrungen der praktisch
therapeutischen Arbeit entwickelt, aber sie bemüht sich beständig, die Effektivität mit den Instrumenten zu messen, die in der gegenwärtigen Psychotherapieforschung üblich sind.( Gudat
19997, 2002, Ventling 2002, Ventling. Gerhard 2000, Koemeda 2001,2002, Fehr 1998, 2000) Die Bioenergetische Analyse ist im universitären Wissenschaftsbetrieb fast nicht vertreten und wird
daher dort auch nicht beforscht. Da alle entsprechenden Studien von Kolleginnen und Kollegen neben ihrer therapeutischen Arbeit durchgeführt und privat finanziert werden, kommt es auch
nur zu vergleichsweise wenigen entsprechenden Publikationen.
Gleichzeitig verfolgt die Bioenergetische Analyse den kritischen
wissenschafts-theoretischen Diskurs, der die begrenzte Gültigkeit ihrer Verfahren offenbart (Mahr 2001). Vor allem die Aspekte einer „nicht linearen Wirklichkeit“ und das Problem
der Spaltung zwischen Beobachter und beobachtetem Objekt im wissenschaftlichen Prozess scheinen die Voraussagefähigkeit und die Objektivität von beschriebener Wirklichkeit prinzipiell in
Frage zu stellen (Schrödinger 1989).
Da in der Psychotherapie die Interaktion zwischen Therapeut und
Patient, - das Verhältnis von Objekt und Subjekt - konstitutiv für den therapeutischen Prozess ist, sind wissenschaftliche Methoden, die diese Spaltung notwendig machen, ungeeignet, den
psychotherapeutischen Prozess zu beforschen (Ventling 2002). Deshalb sieht sich die Bioenergetische Analyse gefordert, wissenschaftstheoretische Kriterien zu entwickeln, mit denen die
körpertherapeutische Arbeit besser erfasst und beschrieben werden kann (Mahr 2001). Ebenso wie in der modernen Physik kann der übliche Begriff von Objektivität möglicherweise nicht mehr
aufrecht erhalten werden. Eine Hypothese gilt nur als Orientierung in einem therapeutischen Prozess. Jeder Patient kann aufgrund seiner Struktur neue, nie gekannte
Selbstregulierungssysteme entwickeln, die mit immer neuen Hypothesen beschrieben werden müssen.
Zum wissenschaftlichen Selbstverständnis der Bioenergetischen
Analyse gehört auch, dass sie ihre Konzepte in Übereinstimmung mit den Konzepten zur biologischen Struktur des Menschen formuliert. Jede psychotherapeutische Intervention - verbal oder
nonverbal - hat eine Wirkung in der biologischen Struktur. Jede körperliche Aktion und Veränderung findet ihren Ausdruck in psychischen, emotionalen und geistigen Reaktionen.
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